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Wombat's Wonderful World
Nathan der Weise
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Klasse 11a
1. Hausaufgabe aus dem Deutschen
16.1.1997

Inwieweit wird die Forderung der Aufklärung nach religiöser Toleranz in Lessings
"Nathan der Weise" aufgezeigt?

In seinem Werk "Nathan der Weise, Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen", erschienen 1779, uraufgeführt entweder am 14. April 1783 (im Schauspielhaus zu Berlin)1 oder am 28. November 1801 (im Hoftheater zu Weimar)2, thematisierte der Philosoph und Literaturkritiker sowie Schriftsteller und studierte ev. Theologe3 Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) ein Problem, das nie zuvor bühnenreif präsentiert worden war. Auf den ersten Blick betrifft es die Frage, die eine religionsphilosophische Form und einen staatsphilosophischen Inhalt hat, nämlich, ob es vernünftig bzw. politisch vertretbar ist, die Daseinsberechtigung und Ausübung der drei im Nahen und Mittleren Osten entstandenen monotheistischen Weltreligionen (Judentum, Islam und Christentum)4 für den Fall anzuerkennen bzw. zu dulden, daß ihre jeweiligen Glaubensangehörigen und Missionare den monopolistischen Besitz an derjenigen Botschaft und Organisation beanspruchen, die unfehlbar alleinseligmachend wirke bzw. operiere. Diese Fragestellung wird zu folgendem Problem transformiert, das implizit zur Sprache gebracht wird: Sind die Glaubensinhalte der (drei) Religionen inkompatibel?

Inwiefern war dieses Thema im 18. Jarhundert von Interesse? Ergibt sich eine andere Problemformulierung, wenn ins Kalkül gezogen wird, daß Ironie am Werke sein könnte? Wir untersuchen zuerst den vordergründigen bzw. naheliegenden, d.h. üblichen Aspekt. Nur so haben wir die Chance, den inoffiziellen bzw. hintergründigen, d.h. den eigentlichen Zusammenhang zwischen der Zeit der Aufklärung und dem Postulat der religiösen Toleranz in Lessings Werk "Nathan der Weise" zu identifizieren.

War die Türkengefahr noch akut? Ein Blick ins Geschichtsbuch zeigt, daß sie bereits seit dem Frieden von Karlowitz (1699) endgültig gebannt war. Die türkische Belagerung Wiens (1683) war längst vergessen.

Gab es antisemitische Berührungsängste bzw. Feindseligkeiten zwischen Christentum und Islam? Der Ritterorden der Templer (weißer Mantel mit rotem Kreuz)5 war bereits 13076 (bzw. 13127) liquidiert worden! Die Ritterkreuzträger hatten auf Anordnung von Philipp IV., des Schönen, (1268-1314) auf dem Scheiterhaufen enden müssen. Der finanzstarke Orden8 hatte als Schutztruppe der Kreuzfahrer im 11. bzw. 12. Jahrhundert zugeschlagen und blutende Wunden hinterlassen, die im 18. Jahrhundert gewiß vernarbt waren. Seinerzeit hatten sich Christen im "Heiligen Krieg" gegen Muslime und Juden einen "Ablaß" verdient, der ausnahmsweise nicht mit Geld, sondern mit Kriegsdienstleistungen erkauft wurde; die Kreuzzugsteilnehmer erwarben als Gegenleistung für vorbildlichen Einsatz und gute Gesinnung sowie Aufopferungsbereitschaft und Aufwand, Ungläubige und Andersgläubige umzubringen, den postmortalen Anspruch auf einen Sündenbonus, durch dessen Anrechnung die Bemessung der Dauer des Aufenthalts im Fegefeuer verkürzt wird - eine kirchliche Praxis, die schon lange vor Beginn der Reformation als zweifelhaft erkannt worden war, ohne freilich als derartig abwegig beurteilt worden zu sein, daß man sich gezwungen gesehen hätte, sie als Motivationsbetrug zu enträtseln und zu verdammen und, nicht zuletzt, tatsächlich restlos aufzugeben.

Weiter bedenke man, daß der unsterbliche Cervantes (1547-1616) bereits 1605 jegliche Rittergestalt zu einer lächerlichen Figur stilisiert hatte9. Wenn dennoch in Lessings "Nathan" einer der historisch gescheiterten Templer als heldenhafter Lebensretter und heimgekehrter verlorener Sohn, ja als "Familienintegrator" auftritt, so vielleicht deshalb, weil damit eine Botschaft vermittelt werden soll, die nicht das obsolet gewordene interreligiöse Verhältnis, sondern das intrachristliche Konfessionsproblem betrifft? Dies erfordert eine unerbittliche und radikale Aufklärung "der Sache selbst". Darzustellen ist ihr Entwicklungs- und Entstehungsprozeß sowie deren jeweilige Vorgeschichte!

Brisant war im 18. Jahrhundert nicht die Auseinandersetzung mit fremden Religionen, sondern die innerkirchliche Problematik aufgrund Luthers (1483-1546) Reformation (1517), die die Kirchenspaltung und Gegenreformation ausgelöst hatte. Es kam zu den "Glaubenskriegen" (Bauernkrieg, 1524-1525, Hugenottenkrieg, 1562-1598 und Dreißigjähriger Krieg, 1618-1648). Dem Papst gefiel es zwar, eine Verdammung des Westfälischen Friedens (1648) auszusprechen. Damit glimmte für die Austragung der konfessionellen Glaubensgegensätze weiter das Feuer der Kriegslust. Aber man war kriegsmüde und interessierte sich primär für eine friedliche, ja möglichst gerechte und damit "philosophische" Lösung der Glaubensstreitigkeiten. Könnte dies Lessings Ansatz gewesen sein?

Die europäische Elite, mit reinem Gewissen ausgestattet, durchdrungen von den Erkenntnissen des größten Universalgenies aller Zeiten, nämlich den des rationalistischen Leibniz (1646-1716) und den des pantheistisch und geometrisch argumentierenden Spinoza (1632-1677) und den des bahnbrechenden mathematischen Methodikers Descartes (1596-1650) und seiner unvergleichbaren Kritiker, insbesondere Pascal (1623-1662) nebst Berkeley (1685-1753) und den der Experimentalphysiker (Galilei, 1564-1642, Sir Newton, 1643-1727, Hume, 1711-1776) und nicht zuletzt den der Toleranzlehrer (z.B. Bodin, 1529-1596), sowie den der ersten Ideologiekritiker (z.B. Bacon, 1561-1626), den der Natur- und Völkerrechtler (Grotius, 1583-1645, Pufendorf, 1632-1694) und den der Gesellschafts- und Staatsdenker (Locke, 1632-1704, Rousseau, 1712-1778, Montesquieu, 1689-1755) und schließlich den des Nestors der historischen Bibelkritik (Reimarus, 1694-1768), fühlte sich berufen, die religiöse und politische Freiheit von staatlicher und kirchlicher Bevormundung zu fordern. Sie war auch befähigt, sie durchzusetzen, wie dann 1789 in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika bewiesen worden ist, nachdem George Washington (1732-1799), unterstützt durch General Marie Joseph Motier, Marquis de Lafayette (1754-1834), und General Friedr. Wilh. von Steuben (1730-1794), den Unabhängigkeitskrieg (1776-1783) gegen das Mutterland gewonnen hatte, so daß die Erste Demokratie der modernen Welt entstand.

Vielleicht gab es einen nostalgischen Grund dafür, die Toleranzidee literarisch zu artikulieren, nämlich - um der Regenerierung der Ideale des griechischen Altertums willen - die zweckfreie faustische Lust an Rhetorik und Philosophie? Oder waren es die interkonfessionellen Probleme der Christen, für deren argumentative Austragung inzwischen die Zeit reif geworden war?

Die Rationalisten hatten Aristoteles (384-322 v. Chr.) entthront, soweit er als Lehrer von metaphysischen Naturprinzipien gewirkt hatte. Aber seine praktische Philosophie erlebte eine Renaissance, insbesondere die in der Poetik entwickelte Theorie der Tragödie, wonach Handlung, Zeit und Ort einheitlich, folgerichtig und abgeschlossen sowie "echt" (Mimesis) und "reinigend" (Kartharsis) zu sein haben10. Auch die in seiner Nikomachischen Ethik vorgeschlagene moralische Werttheorie blieb gültig: "Das menschlich Gute ist die Tätigkeit der Seele gemäß der Vernunft"11. Der Angriffspunkt des revolutionären Elans war die Bekämpfung von Unverstand und Unvernunft, nämlich Herzlosigkeit, Ungerechtigkeit und Schamlosigkeit der Herrschaftsausübung durch den absolutistischen Adel und Klerus des ancien regime, das sich dem in Preußen waltenden aufgeklärten Absolutismus verschloß.

Diese historische Spurensuche entspricht einer Intention, die (auch) für den damaligen Zeitgeist typisch ist, nämlich, daß man die rätselhaften Phänomene, die in Natur, Gesellschaft und Kultur beobachtet werden, in einen wissenschaftlichen Zusammenhang bringt, und daß man sie einer ebenso rationalen Analyse wie menschengerechten bzw. sittlich fortschrittlichen Lösung zuführt und hierbei Aberglauben, Ignoranz und Vorurteile bekämpft und ausmerzt!12

Wenn wir unser historisches Einfühlungsvermögen angemessen, d.h. äußerst gering, einschätzen, dann müssen wir uns damit begnügen, die dargelegte Problematik philosophisch zu hinterfragen. Dies ist eine Methode, die der erwähnten geistigen Bewegung immanent ist. Lessing hat dann allerdings Anspruch darauf, daß er gegen unser eigenes Erkenntnisinteresse verteidigt wird: Hat Lessing mit der Botschaft seines Werks die Erwartung auf Deckung des literarischen Konsumbedarfs seiner Zeitgenossen erfüllt? Oder hat er - im Gegenteil - es unternommen, dazu beizutragen, daß in der von ihm unterbreiteten Sichtweise "die Menschheit" sich ihres natürlichen und gesellschaftlichen sowie geistigen Seins bewußt wird? War er ein Populist? War er eine Marionette des Mainstreams? Oder war er ein Prototyp dessen, was ein "wahrer Mensch der Aufklärung" ist und bleibt? War er entweder ein Trendsetter oder Trittbrettfahrer? Hat er mit seinem Werk eine zeitlos gültige Methode für die Lösung von Streitigkeiten hergestellt?

War es nicht Lessing selbst, dessen geniales Werk die Wissenschaft dazu veranlaßt hat, die Literaturgeschichte dahingehend zu periodisieren, daß die Lebensdauer dieses Protagonisten mit dem Intervall korrespondiert, das als "Aufklärungszeit" bezeichnet wird? Und hat Lessing uns heute nichts mehr zu sagen? Ist die aufklärerische Forderung nach religiöser Toleranz inzwischen entweder durch Zweckerreichung erledigt oder durch Gleichgültigkeit überholt, wie sie in Nihilismus und Atheismus zum Ausdruck kommen?

Somit ist primär zu überlegen, nach welchen Gesichtspunkten überhaupt zwischen den Geschichtsepochen unterschieden werden kann, und wie man dazu kommt, das Zeitalter der Aufklärung gegenüber anderen Epochen abzugrenzen, und welcher Zusammenhang mit Lessings Toleranzidee in "Nathan der Weise" besteht.

Epochen sind keineswegs wie die Stufen einer Treppe vorfindlich, sondern werden durch die Bewertung von folgenreichen Ereignissen hergestellt. Sie sind Zeitabschnitte im Geschichtskontinuum13, deren Konstituierung der einschlägigen Theorie obliegt14. Die literarischen Epochen werden in der Literaturtheorie klassifiziert. Jede Periodisierung historischen Geschehens hängt ab von der Sichtweise der Zeitgenossen "und stellt somit bereits eine Interpretation dar."15

Die geistesgeschichtliche Bewegung der Aufklärungszeit beginnt mit Leibniz. Er gilt als ihr "Vater". Sie endet jedenfalls in Frankreich mit dem Beginn der Französischen Revolution (1789-1799). Es werden folgende Hauptepochen der deutschen Literaturgeschichte unterschieden16: Barock, Aufklärung (inklusive Sturm und Drang, 1765-1790), Klassik, Romantik, Biedermeier, Realismus, Naturalismus, Expressionismus und Gegenwartsliteratur. Jeweils ist eine bestimmte Herangehensweise (approach) bei der Formulierung und Lösung der jeweils typischen bzw. "paradigmatischen"17 Probleme fixierbar.

Infolge der zunehmenden beruflichen, gewerblichen und handwerklichen Arbeitsteilung war eine wirtschaftlich solide abgesicherte, geistig gebildete Bevölkerungschicht entstanden, die sich aus Lehrern, Pfarrern, Verwaltungsbeamten, Juristen, Ärzten, Kapitänen, Offizieren usw. zusammensetzte, und die es in den Städten zu Wohlstand und persönlichem Ansehen gebracht hatten. Hier zeigten sich die Folgen des wirtschaftlichen Aufschwungs, der durch die Entdeckung der neuen Länder und der durch die damit verbundene Seefahrt - Reisen bildet - eingetreten war. Das Bürgertum entwickelte Selbstbewußtsein gegenüber den herrschenden Kasten. So wurde es zu einem anspruchsvollen Lesepublikum. Dies gilt für ernsthafte Reiselektüre, wie Robinsonaden (z.B. Defoe (1660-1731), Robinson Crusoe)18 sowie für wissenschaftliche Literatur (z.B. Diderot (1713-1784), Enzyklopädie) und Bildungsromane (z.B. Wieland, 1733-1813, Geschichte des Agathon). Insbesondere beneidete dieser dritte Stand die an Wissenschaft oftmals uninteressierten Angehörigen des Adels und des Klerus um ihre feudalen Privilegien und um ihren arbeitslos und unverdient erlangten materiellen Reichtum. Der dritte Stand beanspruchte die Respektierung der Ergebnisse seiner "verständigen" Nachforschungen. Der Adressat dieser Forderung auf Toleranz bezüglich Wissenschaft, Kultur und Kunst war der Fürstenstaat. Gefragt wurde nach der "vernünftigen Natur", d.h. dem "Ursprung", von Staat und Recht, Individuum und Gesellschaft, Sittlichkeit und Erkenntnis.

Die Lehre des Merkantilismus, wonach ein kräftiger Außenhandelsüberschuß die Quelle des nationalen Reichtums sei, wurde von der Theorie der Physiokraten (Quesnay, 1694-1774) abgelöst. Jetzt wurde der Entstehungsgrund des Wohlstands auf die Urproduktion zurückgeführt, eine Vorstellung, die mit der aufklärerischen Vorliebe für die "Natur" zusammenhing, wie im Denken des d'Holbach (1723-1789)19 exemplifiziert wird. Die merkantilistische Wirtschaftspolitik war auf Förderung der exportfähigen handwerklichen und gewerblichen Produktion gerichtet. Die physiokratische Wirtschaftspolitik war auf Förderung der Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Bergbau gerichtet.

Es war der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724-1804), der - praktisch nachträglich - die aufklärerische Intention auf den Begriff brachte, nachdem er zuvor in der "Kritik der reinen Vernunft" (1781) die Gottesbeweise ad absurdum geführt hatte. In seinem Aufsatz "Was ist Aufklärung?" (1784) formulierte er:

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sicher seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen (...)"20.


Ganz im Sinne Kants Definition hatte bereits 1740 der von Friedrich d. Gr. nach Halle zurückgeholte Chr. Wolff (1679-1754), der zuvor von den dortigen Pietisten (Francke, 1663-1727) vertrieben worden war, erklärt: "Die Religionen müssen alle toleriert werden."21 Fichte (1762-1814) schließlich war es, der ausdrücklich die Aufklärung im Sinne der Erziehung des Menschengeschlechts durch den Staat propagierte, ganz so, als ob es ausgeschlossen sei, daß der Staat zum obersten Verbrecher wird.

Eine konterrevolutionäre, ja geschichtsklitternde Aufkärungsideologie findet sich in der Zeit der Gültigkeit der Karlsbader Beschlüsse (1819-1848) in Brockhaus' Conversationslexikon von 1837: "Der Aufgeklärte sieht ein, daß ohne Religion, Gesetze und Obrigkeit keine Ruhe und Sicherheit und kein glückliches Dasein auf Erden stattfinden könne und darum unterwirft er sich der menschlichen Ordnung."22

In der Aufklärungszeit wurde Spinozas Programm auf die Spitze getrieben, wonach die Religion der Vernunft untergeordnet sei, ganz so, als ob die Welt, geteilt durch die Vernunft, entweder - "arithmetisch" - restlos aufgehe oder aber - "more geometrico" - rekonstruierbar sei, und ganz so, als ob ein Angriff auf die Bibel kein Angriff auf die Religion sei, und als ob ein Angriff auf die christliche Kirche nicht gegen das Evangelium gerichtet sei. Zwischen der Religion als Inhaberin von Gottes Wort und den kirchlichen Amtsinhabern, die es zu verkünden haben, wird ein Keil getrieben. Der Klerus wird als politisch inkompetent hingestellt und soll entmachtet, ja entmündigt werden, weil er mit den herrschenden politischen Machthabern kollaboriert.

Diese Ideen kamen in Frankreich, Bayern und Preußen unterschiedlich schnell voran. In Preußen wurde bereits 1746 die Folter abgeschafft23, in Bayern schließlich 1813. Die letzte Hexenverbrennung in Europa war 179324 in Posen. In Westeuropa wurde die letzte "Hexe" bereits 178225 hingerichtet, und zwar in der Schweiz durch Enthauptung mit dem Schwert.

Friedrich II. d. Gr., König von Preußen, "Alter Fritz", Erster Diener des Staates (1712-1786), König seit 1740, Verfasser des Antimachiavell (1739), dekretierte generös, daß "jeder nach seiner eigenen Fasson selig" werden könne. Im Gegensatz zu Frankreich fand ein reformwilliger Absolutismus statt. In kongenialer Weise lieferten Voltaire (1694-1778) und Lessing die theoretische Ableitungsgrundlage hierfür. Sie wirkten wie Kulturrevolutionäre, die als solche eine politische Revolution unnötig machen wollten. Diderot, Gottsched (1700-1766), Wieland, Nicolai (1733-1811), Klopstock (1724-1803), Lichtenberg (1742-1799), Lavater (1741-1801) und Moses Mendelssohn (1729-1786), Gellert (1715-1769), Helvetius (1715-1771) sind die herausragenden Repräsentanten der Aufklärungszeit, die als solche nach Vernunft und edler Menschlichkeit sowie sittlichen Fortschritt streben, und glauben, daß der Staat und die Philosophie und die Literatur ebenso wie das Theater moralische Aufgaben haben26. Dies geschah in Anlehnung an das Schönheitsideal im griechischen Altertum. Respektvoll, ja ehrfürchtig, war insoweit von der Eigenschaft der "stillen Einfalt und edlen Größe"27 (Winckelmann, 1717-1768, Begründer der Archäologie) die Rede.

Bei alledem ist es folgerichtig, daß "religiöse Toleranz" als eine derjenigen "vernünftigen Ideen" gilt, durch die die Gemüter in der Zeit der Aufklärung bewegt wurden. Welche Idee ist mit dieser Wortverbindung gemeint? Ethymologisch besteht der Ausdruck aus einer Kombination zwischen "tolerantia" und "religio".

Die Toleranz dient der Konfliktvermeidung und ist ein Verhalten, das auf Duldung, ja grundsätzliche Billigung28 von solchen Orientierungen und Überzeugungen gerichtet ist, die von Personen vertreten werden, die weder vom Staat noch von den gesellschaftlichen Institutionen bzw. privaten Autoritäten mit "Definitionsmacht" ausgestattet sind. Die Toleranz ist also der "Stoff", der die Freiheit der Andersdenkenden ermöglicht, die in der Minderheit sind.

Die Realdefinition für den Gegenstand jeglicher Religion lautet: "Religion ist der im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln betätigte Glaube an das Dasein übernatürlicher persönlicher oder unpersönlicher Mächte, von denen sich der Mensch abhängig fühlt, die er für sich zu gewinnen sucht oder zu denen er sich zu erheben trachtet"29. Mit anderen Worten: Die Religion ist der Inbegriff aller Vorstellungen der Sterblichen, daß übernatürliche Kräfte walten, die durch eine bestimmte Glaubensüberzeugung beeinflußbar seien.

Wie gelingt Lessing die literarische Verwertung der religiösen Toleranzidee bzw. die philosophische Verarbeitung der aufklärerischen Vernuftidee?

Lessing wählt einen dichterischen Kontext, dem ein Ereignis zugrundeliegt, das zur Vorgeschichte der dramatischen Handlung des Werkes gehört. So erfährt der Leser erst im Verlaufe der Lektüre, daß Nathan, ein reicher Kaufmann, bei einem Judenpogrom in Jerusalem hat erleben müssen, wie Christen in Ausübung ihrer Religion anläßlich eines Kreuzzugs insbesondere die Ehefrau und seine sieben Söhne ermordet haben. Nathan seinerseits bemerkt erst im Nachhinein, daß die bei ihm lebende Recha keineswegs seine leibliche Tochter, sondern ein christlich getauftes Waisenkind ist.

Wiederum nachträglich, wobei nun die dramatisch verdichtete Handlung beginnt, hört Nathan nach der Rückkehr von einer Babylonreise (1. Aufzug, 1. Auftritt, Abschnitt 40), daß sein Haus beinahe abgebrannt wäre, und "Recha wär, bei einem Haare mit verbrannt (aaO, Abschnitt 10). Das antisemitische Vorurteil, daß alle Juden geizig, geldgierig und berechnend seien, widerlegt Nathan durch die wiederholte Demonstration des Gegenteils. Anstatt Geld zu verleihen, verschenkt er es. Als er darüber informiert wird, Recha halte sich gerade bei einem Ritterkreuzträger auf, einem Angehörigen des militanten Templerordens, der sie aus dem Feuer gerettet habe (aaO, Abschnitt 80), bleibt er gelassen, ja ebenso einfühlsam wie ungerührt, was im Hinblick auf das ihm bzw. seiner Familie im Pogrom zugefügte Leid erstaunt und geradezu jesusähnlich wirkt. Immerhin waren es Christen, die seine Familienangehörigen ermordet haben! Und immerhin waren die Templer gerade als "Speerspitze" der Christen unterwegs, die Juden, aber auch die Moslems, wegen deren angeblich minderwertigen Glaubens umzubringen!

Später ergibt sich, daß der Tempelherr anläßlich eines kriegerischen Gefechts mit Moslems in die Gefangenschaft des Sultans Saladin geraten und von ihm zum Tode verurteilt worden ist (1. Aufzug, 5. Auftritt, Abschnitt 570).

Und Nathan, der darüber informiert ist, daß der Sultan in Geldnot ist, sucht ihn auf, um für Recha zu erreichen, daß der Templer freigelassen wird! (2. Aufzug, 9. Auftritt, Abschnitt 1440-1450) Saladin glaubt, Nathan provozieren und schließlich erpressen zu können, indem er ihm die Frage nach der wahren Religion stellt und indem er denkt, dem Nathan für die zu erwartende Beleidigung des Islam eine Bestrafung androhen zu können. Er hofft, daß diese Situation in Bares umgemünzt werden könne.

Saladin fragt scheinheilig "Da du nun so weise bist: so sage mir doch einmal - Was für ein Glaube, was für ein Gesetz hat dir am meisten eingeleuchtet?" (3. Aufzug, 5. Auftritt, Abschnitt 1829), wobei Judentum, Christentum und Islam zur Debatte stehen. "Von diesen drei Relgionen kann doch eine nur die wahre sein" (aaO, Abschnitt 1840).

Später stellt sich heraus, daß der Tempelherr kein anderer als der Bruder Rechas ist. (5. Aufzug, Letzter Auftritt, Abschnitt 3790) Die Geschwister, Recha und der Templer, sind die Neffen Saladins, d.h. die Kinder seines verstorbenen Bruders Assan. Weiter zeigt sich, daß der Jerusalemer Patriarch ein sophistischer Intrigant und korrupter, geldgieriger Machthaber der christlichen Kirche ist (4. Aufzug, 2. Auftritt). Auch hier erweist sich, daß in dem Werk die immanente Vernunft die Verhältnisse, die gerade im Christentum einer selbstkritischen Reflexion und Revision bedürfen, unter die Lupe nimmt.

Nathan antwortet auf die ihm gestellte Frage, indem er erzählt, was inzwischen als "Ringparabel" allgemein bekannt ist. Einst lebte ein Familienvater, der drei Söhne hatte, und Besitzer eines Goldrings war, in dem ein Opal eingearbeitet war, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Wer sich mit diesem Geschmeide in der Überzeugung schmückt, zu erreichen, daß er dann vor Gott und den Menschen "angenehm" (3. Aufzug, 7. Auftritt, Abschnitt 2010) sein wird, also überall wohlwollende Akzeptanz erntet, kann eine geheime Wunderkraft nutzen, die bewirkt, daß er mit Gott versöhnt ist, d.h. keine Sünden auf sich lädt und unter den Menschen keine Feinde hat.

Der Vater, der keinen seiner Söhne testamentarisch benachteiligen will, weiß, daß der mit dem Opal verzierte Ring unteilbar ist. Er löst das Gerechtigkeitsproblem, das darin besteht, daß zwar drei Söhne vorhanden sind, aber jeder von ihnen würdig ist, das einmalige Schmuckstück zu erhalten, durch einen salomonischen Kunstgriff, der auf den ersten Blick betrügerisch aussieht. Der Vater läßt zwei Imitate täuschend echt herstellen und vererbt alle drei Ringe. Schließlich weiß niemand, wer den Originalring und wer die Falsifikate besitzt. Offen bleibt, ob der Vater, nachdem er die zwei Nachbildungen vom Goldschmied erhalten hat, überhaupt noch in der Lage ist, den echten Ring zu identifizieren. (3. Aufzug, 7. Auftritt, Abschnitt 2020)

Ein Richter wird befragt. Nathans Weisheit steckt im Kopf des Richters, der entscheidet, daß sich der Träger des echten Rings im Hinblick auf die Wunderwirkung schon zeigen werde, wobei unterstellt wird, daß alle drei Brüder "betrogene Betrüger" seien:

"Eure Ringe sind alle drei nicht echt. Der echte Ring vermutlich ging verloren (...)" (ebda.).

Und er urteilt:

"Es eifre jeder seiner unbestochnen von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen!" (3. Aufzug, 7. Auftritt, Abschnitt 2040)

Die Söhne haben also insofern "Bewährung" als sie durch praktizierte Barmherzigkeit und ausgeübte Nächstenliebe den Beweis führen können, daß ihre Erwartung berechtigt ist, als Besitzer des echten Ringes sowohl der Verdammung durch Gott als auch der Gemeinheit ihrer Mitmenschen zu entgehen, zwei Perspektiven, die heutzutage als äquivalent erscheinen, wie Sartre (1905-1979) angedeutet hat: "Die anderen - das ist die Hölle"30.

Was will Nathan, ja was will Lessing mit dem Gleichnis sagen?

Nathan vermittelt Saladin die Überzeugung, daß derjenige, der einen religiösen Glauben hat, im Besitze eines Schmuckstücks sei, und daß die Echtheit des darin verarbeiteten Edelsteins leicht feststellbar sei. Die Mitmenschen werden diejenigen Individuen als Träger des wirklichen Kleinods erkennen, die sich so verhalten, wie sie sich benehmen müssen, wenn sie tatsächlich Inhaber des echten Rings sind.

Da damit Nathan zu verstehen gibt, daß es durchaus der Islam sein kann, dessen Angehörige den richtigen Glauben haben, und daß diese Möglichkeit aber auch entweder im Christentum oder im Judentum verwirklicht sein kann, ergibt sich aus Vernunftgründen, daß Religionskriege unsinnig sind, und daß religiöse Toleranz geboten ist. Insbesondere zeigt sich Sultan Saladin von Nathans Diplomatie beeindruckt (3. Aufzug, 7. Auftritt, Abschnitt 2020).

Lessing stellt Nathan als Juden dar, der ähnlich wie Jesus, der bekanntlich ebenfalls Jude gewesen ist, in der Bergpredigt31 redet und handelt und ebenso wie ER verkannt und verfolgt wird, nämlich vom Tempelherrn: "Ich werde hinter diesem jüd'schen Wolf im philosoph'schen Schafpelz Hunde schon zu bringen wissen, die ihn zausen sollen" (4. Aufzug, 4. Auftritt, Abschnitt 2780). Und der Klosterbruder spricht: "Nathan! Nathan! Ihr seid ein Christ! - Bei Gott, Ihr seid ein Christ! Ein beßrer Christ war nie!" (4. Aufzug, 7. Auftritt, Abschnitt 3060). Eine weiterer Beleg für die Identifizierung des Nathan als Jesus ergibt sich aus der Parallelität der Verhältnisse zwischen Jesus, Judas und dem Hohepriester einerseits und zwischen Nathan, Tempelherr und Patriarch andererseits; Nathan ist vom Templer beim Patriarchen denunziert worden (5. Aufzug, 5. Auftritt, Abschnitt 3370). Nathan verkündet die Wahrheit, indem er dem in Recha verliebten Templer, der außer sich ist, sagt, wer er wirklich ist. Der Templer fragt: "Wie heiß ich denn?" Nathan antwortet: "Heißt Curd von Stauffen nicht! (...) Heißt Leu von Filnek." (5. Aufzug, Letzter Auftritt, Abschnitt 3760). Selbst die grenzenlose Enttäuschung des Templers, als er erfährt, daß Recha seine Schwester ist, wird zu einem triumphalen Aufstieg Nathans, der nun auch in den Augen des Templers ein guter Mensch ist. Heillos ist die Situation des Templers, dem nichts anderes übrig bleibt, als zu sagen: "Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! Mit vollen Händen beides! - Nein! Ihr gebt mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!" (aaO, Abschnitt 3800), eine Aussage, die das bisherige Weltbild des Templers sowohl zum Trauma wie zur Verheißung werden läßt. Er erklärt: "So waren jene Träume, womit man meine Kindheit wiegte, doch mehr als Träume!" (aaO, Abschnitt 3840). Die Lehre hieraus lautet: Das Christentum muß zu sich selbst, nämlich zur Botschaft Christi, zurückkommen.

Dies sowie die bereits in der Einleitung dargelegten Gesichtspunkte sowie biographische Besonderheiten, nämlich Lessings Erregung von Ärgernis (der Herzog hat die Formulierung des "Anti-Goetze"32 (1778/79) gerügt), sowie die Tatsache, daß nicht drei, sondern fünf Weltreligionen existieren, nämlich Judentum, Islam, Christentum, Buddhismus und Hinduismus, lassen den Schluß zu, daß es im Gleichnis primär und damit eigentlich um den Versuch geht, vernünftig zu begründen, daß Toleranz geboten ist im Verhältnis zwischen den drei christlichen Konfessionen: Katholizismus, Protestantismus und Anglikanismus und deren jeweiligen Untergliederungen33.

Damit ist nachgewiesen, daß Lessing allein das intrachristliche Toleranzgebot meint, wenn er vom interreligiösen Toleranzgebot spricht. Indem er Nathan im Gleichnis sagen läßt, daß die Ringe nicht die Arten der christlichen Konfessionen, sondern die Arten der drei Religionen repräsentieren, ist dies eine ironische Redeweise34. Sie dürfte zugleich ein derartig genialer Fall von Ironie sein, daß es unabweisbar ist, eben diesen Gesichtspunkt zum Bewertungsmaßstab dafür zu erklären, in welchem Maße die religiöse Toleranzidee von Lessing im Werk "Nathan der Weise" literarisch umgesetzt worden ist.

Die Ironie ist diejenige Form der Verschlüsselung, in der dank des eingesetzten Esprits eine Aussage zwar verfremdet, aber nicht unkenntlich gemacht wird, da sonst nicht mehr Ironie, sondern Kryptographie vorliegen würde35. Sie ist eine Existenzform der Kommunikation, die sich nicht mit dem Austausch von Gemeinplätzen und Paraphrasen begnügt. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit für den Humor, den man braucht, damit ein Erfolgserlebnis besonderer Art widerfährt: Im Extremfall ist der Verfasser einer Sentenz der einzige, der darüber lachen kann.
Der Patriarch von Jerusalem, also ein hoher christlicher Würdenträger, dem Papste ähnlich, erscheint als besonders niederträchtig und minderwertig (4. Aufzug, 2. Auftritt). Ihm geht es allein um das "Heil der Kirche" (aaO, Abschnitt 2479), nicht aber um die christliche Botschaft. Er will Nathan auf den Scheiterhaufen bringen, und zwar wegen "Apostasie" (aaO, Abschnitt 2530). Stereotyp zeigt er sich gegenüber allen vernünftigen Einwänden unzugänglich und verfällt in folgenden Refrain: "Tut nichts! der Jude wird verbrannt." (aaO, Abschnitt 2540 bzw. 2550)

Gleichzeitig wird die christliche Religion in der Ringparabel als absolut gleichberechtigt neben Islam und Judentum bewertet. Gemeint ist bei alledem, daß die kirchliche Institution unnötig sei, und daß nicht die Kirche, sondern allein Gott entscheidet, ob jemand die Seligkeit erlangt, wobei offenbleibt, ob die dazu notwendige Gnade Gottes durch die Ablieferung mehr oder weniger guter Werke, die ihrerseits Ausdruck der individuellen Glaubenskonsequenz sind, gefördert wird.

Die drei Konfessionen unterscheiden sich institutionell primär durch ihre jeweilige kirchliche Organisation. Der Islam und das Judentum kennen zwar keine "Kirche"36, aber hier wird postuliert, daß Staat und Kirche ungetrennt sind, so daß die Rechtsgelehrten sowie die Staatsmänner (z.B. Ayatollah) mit den Religionsgelehrten und Priestern identisch sind, was keineswegs als fortschrittlich gelten kann, da die Rechtserkenntnis und das religiöse Bekenntnis zwar einander ergänzen, nicht aber ersetzen. Soweit Islam und Judentum im Stück eine gute Figur machen, ist in Wahrheit unübersehbar gemeint, daß das Christentum jedenfalls für die europäische Welt durchaus die angemessenste Religion ist. Die Gläubigen der Konfessionen sollen untereinander konkurrieren, ähnlich wie im Wirtschaftsleben ein Wettbewerb zwischen den Unternehmen stattfindet. Derjenige, dessen Glauben die meisten Früchte trägt, was daran gemessen wird, ob jemand die größte Wertschätzung genießt, soll die Überzeugung haben, der richtigen christlichen Konfession anzugehören. Dies ist ein Gedanke, der auf das Verhältnis zwischen den Religionen nicht übertragbar ist, da jeweils unterschiedliche, ja nicht vergleichbare Gottesbegriffe, Mentalitäten und Kulturen zugrundeliegen.

Gesagt wird, daß der Streit zwischen den Religionen juristisch entschieden werden soll. Der Richter kann nicht den Maßstab der jeweiligen Religion, sondern muß den der Vernunft anwenden. Und er tut dies unter Berücksichtigung des wohlverstandenen vernünftigen Anspruchs der Religion, nämlich die Gläubigen mit Erfolg dahingehend belehren, ja erziehen zu können, daß sie sowohl vor als auch nach ihrem Tode weder sich selbst noch den anderen zur Hölle werden. Damit wird also doch nicht der Vernunft, sondern allein dem Glauben zugebilligt, den Maßstab darüber zur Verfügung zu stellen, wie sich der Mensch verhalten muß, wenn er "echt", d.h. vernünftig, sein will. Hier wirkt Lessing als Präzeptor seiner Zeit.

Klugheit erweist sich als eine Form der scheinbaren Dummheit, was wiederum Ironie beinhaltet: Klugheit ist die Fähigkeit, prompt zu bemerken, daß man etwas nicht verstanden hat.
Was sagt uns Lessings Werk heute?

Die politische Aktualität des von Lessing inaugurierten Gedankengangs ist evident! In seinem 1993 erschienenen Buch "Der Kampf der Kulturen" vindiziert nämlich der amerikanische Sozialphilosoph Samuel P. Huntington, daß die westliche Demokratie gegenüber den angeblich expansiven bzw. aggressiven orientalischen Kulturen37 darauf angewiesen sei, sich gegen die feindselige morgenländische Bedrohung abzuschotten38.

Ein selbstgefälliger Kulturnarzißmus, der wie eine "self-fulfilling" Kriegsprophezeihung wirken könnte, wie H.-D. Genscher festgestellt hat39, nimmt die Wiederkehr zumindest des Kalten Krieges in Kauf, der die kulturelle Entfaltung gerade auch der westlichen Welt behindert hat.

Lessing lehrt uns, daß eine jegliche Konfliktsituation in kluger Weise, ja wissenschaftlich untersucht werden muß, wobei zuerst, wie im Zivilprozeß, zu prüfen ist, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Sachvortrag der streitenden Parteien bestehen. So ergibt sich die Chance, zu erkennen, welche der ideellen Werte unstreitig bzw. absolut unverzichtbar sind und welche von ihnen lediglich relativ sind und deshalb kompatibel bzw. tolerierbar sein müßten. Reicht die Problemlösungskraft der Ringparabel aus, der kulturimperialistischen Aggression und geistigen Verelendung zu entkommen?

Dem steht entgegen, daß sich Geschichtsperioden nicht wiederholen. Die heutige Lage, die in den Industrieländern eine Weltuntergangsstimmung ausgelöst hat, wird von den Intellektuellen wie folgt analysiert: "Globalisierung des Standort-Wettbewerbs"40 aufgrund der durch die Kommunikationstechnologie zusammengerückten Märkte, und zwar mit der Besonderheit, daß sogar unbekannt ist, welche nationale Wirtschaftspolitik für die Bewältigung der Krise am Platze ist, ja ob überhaupt eine nationale Wirtschaftspolitik noch helfen könnte.

Wehleidig und kleingläubig werden die "von uns" selbst hergestellten unbehaglichen Lebensbedingungen zur "Zukunftsgefahr" stilisiert (FCKW-Ozonloch, Treibhausklima, Umweltvergiftung, Massenarbeitslosigkeit, AIDS, Übervölkerung, Flüchtlingselend, Genmanipulation, BSE-Rinderwahn, Tierquälerei aus Gewinnsucht, Rauschgiftabusus und Fernsehsucht, vielleicht auch die Schwankungen der Immobilienpreise in Makati41 und auf Makatea42). Eine derartige Diagnose widerspiegelt Resignation und Lustlosigkeit. Diese Befindlichkeit ist von der Aufbruchstimmung und vom Selbstbewußtsein der Aufklärer weit entfernt. So dürften nicht nur Nathans Klugheits- und Toleranzgebote, sondern durchaus auch Huntingtons Thesen insofern relevant sein, als letztere die Überwindungsbedürftigkeit unseres heutigen Bewußtseinszustands illustrieren.

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