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Wombat's Wonderful World
Sansibar oder der letzte Grund
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Klasse 10a
Hausaufgabe aus dem Deutschen
23. Januar 1996
Literarische Charakteristik

Charakterisieren Sie die Gestalt des Gregor
in Alfred Anderschs Roman
"Sansibar oder der letzte Grund"!

Die Wesenszüge der literarischen Gestalt des Gregor werden durch die Äußerungen (Worte, Taten einschließlich Unterlassungen) dieser Figur erschlossen. Zu berücksichtigen sind die jeweiligen Handlungssituationen und die zeitgenössischen Verhältnisse. Bewertungsgrundlage ist das realisierte Romankonzept. Wie lautet der "letzte Grund"?

Gregor, der sich in Moskau zum stalinistischen Funktionär hat schulen lassen (S. 24), wird im Dritten Reich als Kurier des ZK bzw. Instrukteur für die Parteigenossen eingesetzt (S. 12, 42, 46f). Er wird sowohl zum Verräter als auch zum Vorbild. Unter Riskierung seiner eigenen Wohlfahrt und Existenz, und unter Verfehlung seines Parteiauftrags, leistet er aufopferungsvoll Hilfe zur Rettung des Lebens von Judith, die aus "bürgerlichen Kreisen" kommt (S. 109, Z. 5; S. 116), "verwöhnt" aussieht (S. 108, Z. 30) und Jüdin ist (S. 107f). Außerdem unterstützt er den todkranken Pfarrer Helander bei der Realisierung dessen Herzenswunsches, eine sakrale Statue ins Ausland zu bringen, damit sie nicht von den "Anderen" (= Nazis) wegen "Entartung•, d.h. wegen der fehlenden Übereinstimmung mit der Theorie und Praxis der geistigen Gleichschaltung, "konfisziert" (S. 111, Z. 13), d.h vernichtet, wird, eine Plastik, die sich als wahres Kunstwerk insofern erweist, als sie zur geistigen Souveränität und Toleranz und Emanzipation provoziert. Gregor wird von dem Kunstwerk irreversibel beeindruckt und startet die Aktion "Lesender Klosterschüler" (S. 84, Z. 16-18) bzw. "Jüdisches Mädchen" (ebda.).

Gregor ist auf der Suche nach derjenigen politischen Heimat, die seinem Charakter entspricht. Er ist auf dem Wege der Erkenntnis seiner Individualität. Die Lösung seines Selbstfindungsproblems beginnt mit einem Fehlstart.

Gregor beansprucht Parteidisziplin (S. 56, Z. 25; S. 57, Z. 36), er wird als ,Subdirektor bzw. ,kleiner Machthaber respektiert, er ist ein leidenschaftlicher und radikaler Antifaschist. Als solcher vertritt er ursprünglich die für ihn selbstverständliche und auch typische Meinung, daß als seine politische Heimat nur die Ideologie der Sowjetunion in Betracht komme. Denn hier sitzt logisch gesehen für ihn der absolute Gegenpol zum rassistischen Hitlerdeutschland. Er verkennt, daß der Feind seines Feindes durchaus ebenfalls ein Feind sein kann. So verdrängt er nämlich, daß der Totalitarismus nicht dadurch mit Erfolg bekämpft werden kann, daß man ein derartiges System durch seinesgleichen ersetzt. Daß diese Erkenntnis naheliegt, hätte ihm als Intellektuellen schon auffallen müssen, bevor er sich zum Romanhelden hatte stilisieren lassen. In dieser Beziehung muß man ein Scheitern konstatieren, das sich in seiner "Vorgeschichte" ereignet hat. Er ahnt aber den dargelegten Zusammenhang bereits zu Beginn der Handlung.

Die Intuition, daß die eigenen Genossen nicht weniger menschenverachtend sind als die "Anderen", verdichtet sich zu einer wahrscheinlichen Möglichkeit, als Gregor nachforscht, wie das mysteriöse Schicksal seiner Geliebten Franziska zu erklären ist. Sie war an der Moskauer Lenin-Akademie (S. 24) seine Kommilitonin ("sie hatten zusammen dialektischen Materialismus gebüffelt", S. 113, Z. 19) und war plötzlich verschwunden. Er traut der stalinistischen Geheimpolizei zu, sie heimtückisch getötet zu haben ("es war ausgeschlossen, daß Franziska gegen den Staat der Arbeiter und Bauern gearbeitet hatte", S. 113, Z. 27-28; "Vielleicht ist Franziska nur verhaftet worden, weil sie mich geliebt hat.", ebda., Z. 8-9; "Tschistka, Sie verstehen, Genosse Grigorij", ebda., Z. 25-26, "und damals hatte er zum ersten Mal sein, Gregors Gehirn blitzartig reagiert: er hatte geschwiegen.", ebda., Z. 30-31).

Bevor ihm diese ungeheuerlichen Vorgänge bewußt werden, räsoniert er über die Personalpolitik des ZK, indem er die Entscheidung über seinen Einsatzort kritisiert ("Man schickte ihn über Wien zurück", S. 24, Z. 27-28). Er überlegt krampfhaft, welchen Sinn ein Leutnant der Roten Armee hat, der die Schönheit der Natur nicht zu erkennen, geschweige denn zu bewundern vermag ("er war plötzlich fasziniert von dem goldenen Schmelzfluß des Schwarzen Meeres (...) aus fünfzig Pfeilen eisernen Staubs, gegen die Tarasovka den goldenen Schild seines Meeres erhob", S. 23, Z. 22-23, 27-29). Diese Gedanken beherrschen sein Leben ("die Erinnerung an den goldenen Schild (...) hatte ihm geholfen", S. 113, S. 32-33).

Er ist gewissenhaft genug, die Differenz, die zwischen seinen individuellen Beobachtungen und den parteiamtlichen Wahrnehmungen und Stimmungen besteht, als "heimlichen Verrat" zu beurteilen ("In den Kampfpausen dachte er an den goldenen Schild von Tarasovka. Die Genossen im Zentralkommitee waren nicht mit ihm zufrieden. Sie fanden, er sei flau geworden.", S. 24, Z. 30-33). Er überlegt, daß der Besuch auf der Lenin-Akademie sinnlos war ("Was hat er aus Moskau mitgebracht? Nichts als einen Namen", S. 24, Z. 23-24, "In die Lenin-Akademie trat man ein wie in ein Kloster: man legte seinen Namen ab und wählte einen neuen", S.24, Z. 24-25, "Vielleicht hatte der Verrat (...) schon während einer Vorlesung in der Lenin-Akademie (begonnen)", ebda., Z. 11-13). Er ventiliert triste Tautologien ("Es gab also nur Feststellungen: Kiefernwald, Fahrrad, Straße. (...) Ein Haus würde ein Haus sein, eine Woge eine Woge, nichts weiter und nichts weniger.", S. 8, Z. 11-12, 15-16). Er wähnt sich hinter einer "undurchdringlichen Wand von Naturgesetzen" (S. 130, Z. 36 bis S. 131, Z. 1) und will der Partei keine Dienste mehr leisten ("Ich habe genug für die Partei getan", S. 41, Z. 6-7). Er ist ideologisch skeptisch und spricht später von der "Kausalität Gottes" (S. 131, Z. 8) und der "Kausalität der Kirche" (ebda., Z. 8-9).

Die Wende bringt Judith, deren Charme er auf eine Statue projiziert, die er verhimmelt. In der sakralen Figur "Lesender Klosterschüler" findet er nämlich diejenige Geisteshaltung verkörpert, die er als Marxist-Leninist angestrebt hat. Er bezeichnet die abgebildete Persönlichkeit als "Genossen Klosterschüler" (S. 67, Z. 20; S.84, Z. 32; S. 90, Z. 25-26; S.116, Z. 29), weil er die diesem Werk zugrundeliegende Idee als vorbildlich und verbindlich anerkennt. Anders als die Stalinisten studiert der Klosterschüler den ihm vorliegenden Text in souveräner Weise, nämlich undogmatisch und distanziert ("Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. (...) Aber er las kritisch. Er sah aus, als wisse er in jedem Moment, was er da lese.", S. 43, Z. 19-32). In Gregors Phantasie wird also der "kleine Mönch" (S. 140, Z. 34) zum lebendigen Bundesgenossen ("Das wunderbare Gefühl, das ihn befallen hatte, seitdem er den jungen Mönch, seinen Genossen, den freien Leser, gesehen hatte, verließ ihn nicht.", S. 84, Z. 21-23).

Obwohl Gregor seine ideologischen Scheuklappen abgelegt hatte ("ich bin kein Kommunist mehr, ich bin ein Deserteur.", S. 108, Z. 4), nämlich zu glauben, daß man ein guter Antifaschist nur dann sein könne, wenn man Kommunist ist, bleibt er nach außen dabei, und zwar aus Gründen der Tarnung, seine Rolle als Instrukteur des ZK zu spielen (S. 12, Z. 35; S. 42, Z. 8-9). Er verkauft seinen Sinneswandel und seine parteientfremdete Hilfsbereitschaft als "neue Taktik" (S. 58, Z. 31-32). Als Kurier beschränkt er sich in Rerik darauf, den vermeintlich kommunisten-loyalen Knudsen (S. 13) lediglich beiläufig die organisatorische Durchführung des neuen Fünfergruppensystems zu erläutern (S. 12, Z. 36; S. 46, Z. 32; S. 47 (nur indirekt)).

Gregor, der sich dank seiner Vorstellungskraft nunmehr als Klosterschüler fühlt, faßt spontan den Entschluß, den Fischer Knudsen zu übertölpeln, indem er ihn vor vollendete Tatsachen stellt (S. 91, Z. 21) und ihm nicht nur die Statue, sondern auch Judith, die der Partei überhaupt nicht nahesteht, ein "junges bourgeoises Ding" (S. 114, Z. 9; S. 116, Z. 19-20), als "Rettungsgut" aufdrängt bzw. anvertraut. Äußerst umsichtig geleitet er sie zur Bootsanlegestelle (S. 120, Z. 29; S. 150, Z. 19-20). Er verschweigt ihr seine Zuneigung und verheimlicht seine eigenen Fluchtpläne. Er differenziert nunmehr zwischen Freund und Feind. Er revidiert sein Schwarz-Weiß-Denkschema ("wer von den Anderen gejagt wird, ist getauft", S. 116, Z. 3-4). Geschickt versucht er Knudsen zu überzeugen, sie mitzunehmen ("Mensch, sagte Gregor, wir müssen ihr helfen.", S. 137, Z. 17) und nötigt ihn durch Anwendung von Gewalt ("Halten Sie den Mund!", ebda., Z. 3, "Als Knudsen sich zum Gehen wenden wollte, schlug Gregor zu.", S. 138, Z. 16-17, "Er schlug ihm ein paarmal zwischen die Augen und ans Kinn (...) Dann nahm Gregor alle Kraft zusammen und brachte einen linken Haken an, der Knudsen umwarf.", S. 139, Z. 13-14, 23-24).

Gregor bleibt bis zuletzt der Einstellung treu, die ihn zum politischen Funktionär prädestiniert hat. Er ist zugeknöpft und geht nicht aus sich heraus und erscheint als ebenso tragischer wie fragwürdiger Held, der seinen Weg lebensfremd und verklemmt geht. Er lehnt es ab, auf Pfarrer Helander mehr einzugehen, als dies um der Statue willen notwendig ist ("ich weiß nicht mehr, wie lange ein Vaterunser dauert, und wir haben es nun sehr eilig", S. 118, Z. 35-36).

Insbesondere zeigt sich seine psychische Schieflage, die eine "Moskauer Altlast" ist, darin, daß er nicht fähig ist, sich Judith zu offenbaren und ihr seine Zuneigung zu gestehen und ihr ins Ausland zu folgen ("Kuriere sind Mönche, dachte Gregor, und: kein Boxer darf vor einem Kampf mit einer Frau schlafen. Vielleicht ist Franziska nur verhaftet worden, weil sie mich geliebt hat", S. 113, Z. 7-9). Keine seiner Chancen nutzt er, obwohl sich jene durchaus bietet, da er fühlt, daß Judith ihm gegenüber Zuneigung empfindet ("ihr gegenüber war er überhaupt nichts anderes als der junge Mann, der sich vor ein junges Mädchen stellte", S. 108, Z. 9-11; "Sie standen sich gegenüber, sehr nah, und Gregor dachte: Es ist eine Verführungsszene, sie ist ziemlich hübsch und sie weiß es (...). Es wäre jetzt leicht, die Arme um sie zu legen, und es wäre auch sehr schön", S. 112, Z. 22-26).


Knudsen erklärt sich bereit, ihn mitzunehmen ("Du kannst mitfahren, wenn Du willst", S. 141, Z. 22-23). Gregor bemäntelt, ja beschönigt seine Zurückhaltung, indem er meint, daß die Sicherung des Erfolgs der Fluchthilfe vorrangig sei, und daß die Liebe zu einem Zielkonflikt führe ("Illegalität und Liebe schließen sich aus.", S. 113, Z. 6).

Diese neurotische Geisteshaltung Gregors, nämlich seine Frustration, Unausgeglichenheit und Unzufriedenheit, ja womöglich Selbsthaß, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben und beginnt mit seinem für Außenstehende befremdlichen kommunistischen Engagement und führt ihn zur lyrischen Naturvergötterung und paradoxerweise zum Kadavergehorsam des Funktionärs und zur Linientreue als Stalinist. Marx zufolge ist die Materie, insbesondere der Boden und die Luft, absolut wertlos (Karl Marx: Das Kapital, 4. Aufl. 1890, in: MEW 23 (Dietz Verlag, Berlin), 21. Aufl. 1975, S. 55: "Ein Ding kann Gebrauchswert sein, ohne Wert zu sein. Es ist dies der Fall, wenn sein Nutzen für den Menschen nicht durch Arbeit vermittelt ist. So Luft, jungfräulicher Boden, natürliche Wiesen, wildwachsendes Holz usw."; sowie a.a.O., S.229: "Die Natur dieses Stoffes ist daher auch gleichgültig, ob Baumwolle oder Eisen. Auch der Wert dieses Stoffes ist gleichgültig. Er muß nur in hinreichender Masse vorhanden sein, um das während des Produktionsprozesses zu verausgabende Arbeitsquantum einsaugen zu können. Diese Masse gegeben, mag ihr Wert steigen oder fallen, oder sie mag wertlos sein, wie Erde und Meer (...)"). Marx "erlaubt" also die Verpestung von Boden, Luft und Wasser. Gregor dagegen respektiert und verehrt die Umwelt des Menschen.

Gregors verunsichertes Selbst schreit nach einer Heldentat, mit der sein Ich die Erwartungen des gewissenhaften Über-Ichs zu erfüllen vermag.

Leider ist seine Nächstenliebe stärker als seine Eigenliebe. Dieses Mißverhältnis ist dem wirklichen Klosterschüler fremd. Für ihn gilt, was geschrieben steht: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst" (Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers (Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart, 1985), Neues Testament, Das Evangelium nach Lukas, Kap. 10, Vers 27). Die christliche Nächstenliebe fordert also keineswegs die Selbstverleugnung.

Gregors Charakterdarstellung ist eine Huldigung der künstlerischen Ausdruckskraft, die Barlach im lesenden Klosterschüler darstellt. Die Tatsache, daß diese Plastik zur literarischen Figur erhoben wird, erweist sich als ein wesentlicher Teil ihrer Wirkungsgeschichte. Damit wird eine Brücke zwischen der bildenden und literarischen Kunst geschaffen. Gregors Verinnerlichung der in der Statue zum Ausdruck gebrachten christlichen Werte führt ihn womöglich zu der Einsicht, daß der "letze Grund" seiner Existenz zwar darin besteht, die Welt zu verbessern, aber daß dies mit der Veränderung seiner selbst zu beginnen hat. Er handelt nach dem Motto: "Die Menschen haben die Welt nur in Freund und Feind geteilt, es kommt darauf an, sie vor ihresgleichen zu schützen.". Marx' Auffassung "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern" (Inschrift eines Monuments im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin, Zitat von Marx' 11. These über Feuerbach) hat sich in Gregors Praxis nicht bewährt.

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